Von wo aus auch immer man über die Weite des Leipziger Landes blickt- ob vom Petersberg bei Halle, vom Collmberg bei Oschatz oder von einem der Türme in der näheren Umgebung der Großstadt-, von welcher Himmelsrichtung auch immer man sich Leipzig nähert: Das Völkerschlachtdenkmal als Wahrzeichen der Messestadt bestimmt neben dem Neubau der Karl-Marx-Universität, dem Wohnhochhaus an der Wintergartenstrasse und dem Neuen Rathaus das Stadtbild.

 

Als gewaltiges steinernes Monument auf historischem Gelände in 15 Jahren erbaut und zur 100-Jahr-Feier der Entscheidungsschlacht am 18. Oktober 1913 eingeweiht, zählte das Völkerschlachtdenkmal bisher weit über 16 Millionen Besucher. Beim Anblick der- teils allegorischen Steinfiguren wird er die Bedeutung jener historischen Schlacht bei Leipzig ermessen können, die über den Ausgang des Krieges entschied.

Historische Geschichte

Der Verlauf der Völkerschlacht bei Leipzig

Die Situation vor der Völkerschlacht  Am 17. August 1813 begannen nach einem zweieinhalbmonatigen Waffenstillstand die Kämpfe erneut.In diesem Herbstfeldzug standen sich die Armeen in folgender Aufstellung gegenüber: Von den Verbündeten stand die Hauptarmee unter dem österreichischen Feldmarschall Karl Phillip Fürst zu Schwarzenberg mit 254 000 Mann (davon 127 000 Österreicher, 82 000 Russen, 45 000 Preußen) in Böhmen, die Schlesische Armee unter Blücher (Chef des Generalstabs: Gneisenau) mit 105 000 Mann (66 500 Russen, 38 500 Preußen) im damaligen Niederschleien, die Nordarmee unter dem schwedischen Kronprinzen Karl Johann Bernadotte mit 125 000 Mann in Brandenburg und das Korps Wallmoden mit 27 000 Mann (Russen, Schweden, Engländer, zwei preusische Freicorps unter Lützow und Reiche)in Mecklenburg. Von der französischen Armee stand die Hauptarmee unter Napoleon mit 174 000 Mann im Raum Zittau-Görlitz-Pirna die Boberarmee (Bober, heute polnisch Bóbr) unter Marschall Michel Ney mit 130 000 Mannan der Katzbach (heute polnisch Kaczawa), die Berliner Armee unter Marschall Nicolas Charles Oudinot mit 70 000 Mann im Raum Luckau, ein Zwischenkorps unter General Jean Baptiste Girard mit 15 000 Mann im Raum Magdeburg-Wittenberg und das XIII. Korps unter Marschall Lois Nicolas Davout mit 38 000 Mann an der Unterelbe.

Trotz der zahlenmäßigen Übermacht der Verbündeten, die mit 511 000 den 427 000 Mann der französischen Armee gegenüberstanden, befand sich die letztere durch ihren einheitlichen Oberbefehl im Vorteil. Der von Metternich zum Höchstkommandierenden der Verbündeten hochgespielte Schwarzenberg machte durch seine- im Sinne der österreichischen Diplomatie- zögernde Haltung den Trachenbergplan zunichte, wonach sämtliche Truppen der Verbündeten gemeinsam gegen die Hauptstreitkräfte des Feindes vorzugehen und diese in Offensivschlachten zu vernichten hatten. Dass es zur siegreichen Entscheidungsschlacht bei Leipzig kam, war das Verdienst der deutschen Patrioten Blücher und Gneisenau.

Als Ganzes betrachtet, waren die Kämpfe des 16.Oktobers nach der schlacht bei Borodino 1812 westlich von Moskau die blutigsten und verlustreichsten des Jahrhunderts, 38 000 Tote und Verwundete, 2000 Gefangene hatten die Verbündeten zu beklagen; 23 000 Tote und Verwundete und 2500 Gefangene die Franzosen. Doch der Verlauf der Völkerschlacht wurde hier bereits entschieden: Ein Sieg Napoleons war verhindert worden, und die heranrückenden Reservearmeen der Verbündeten mußten den weiteren Gang der Schlacht zu ihren Gunsten entscheidend beeinflussen.

Die Entscheidungsschlacht am 18. Oktober 

Nach der Waffenruhe am Sonntag, die den verlustreichen Schlachten des 16. Oktobers gefolgt war und in der sich Napoleon nicht zum Rückzug entschloß, sondern über den im Pleißegebiet gefangenen General Merveldt vergeblich versuchte, zu diplomatischen Verhandlungen mit den Verbündeten zu kommen, begannen nun die Kämpfe erneut, allerdings von Napoleon nur noch als Verteidigungsschlachten geführt.

Die Eroberung der Stadt Leipzig am 19.Oktober

Obwohl Napoleon bereits am Vormittag mit dem Rückzug begonnen hatte, befahl Schwarzenberg nicht, die geschlagene  französische Armee zu verfolgen und entgültig zu vernichten, sondern die Stadt Leipzig zu erobern. Da der Sturmangriff der Verbündeten erst ziemlich spät erfolgte, konnte Napoleon nach der Frontverkürzung in der Nacht seine neue Verteidigungsstellung ausbauen und durch die sich hinziehenden Kampfhandlungen seinen Truppen den Rückzug sichern. Unter Verwendung der äußeren Stadttore umschloß er die Stadt vom Münztor am Floßgraben im Süden bis zum äußeren Hallischen Tor im Norden; daneben bezogen die Truppen unter Dombrowski zwischen der Weißen Elster und der Pleiße in Richters Garten Stellung. Blücher leitete die Kämpfe im Norden der Stadt. Die Parthebrücke am äußeren Hallischen Tor wurde heftig umkämpft; erst gegen Mittag konnte das Hallische Tor an der eigentlichen Stadtgrenze erreicht werden. Noch während der Kämpfe in der Innenstadt wurde die Brücke über den Elstermühlgraben vorsichtig in die Luft gesprengt, so daß sich die Franzosen selbst um den einzigen Fluchtweg gebracht hatten: entweder sie durchschwammen das Wasser oder gingen in Gefangenschaft. Bevor die letzten Kämpfe in den Gärten des linken Pleißeufers und auf dem Fleischerplatz beendet waren, feierten die Heerführer der Verbündeten auf dem Marktplatz den Sieg.

Vorgeschichte des Denkmals

Ernst Moritz Arndt führte in seinem Ausatz"Über ein Denkmal bei Leipzig", den er wenige Wochen  vo dem ersten Jahrestag der Völkerschlacht veröffentlichte, u.a. aus:"Daß auf den Feldern bei Leipzig ein Ehrendenkmal errichtet werden muss, das dem spätesten Enkel noch sage, was daselbst im Oktober des Jahres 1813 geschehen, darüber ist in ganz Teutschland, ja wohl fast in der ganzen Welt nur eine Stimme. Aber wie und in welcher Art dieses Denkmal errichtet werden soll, darüber werden die Stimmen gewiß ebenso verschieden lauten, als die über das erste einig sind. Ein kleines unscheinbares Denkmal, das sich gegen die Natur umher in nichts gleichen kann, thut es nicht; ein zierliches und blankes, etwa in Leipzig selbst auf irgendeinem Platz hingestellt, würde in seiner Armseligkeit von der großen That wodurch die Welt von dem abscheulichten aller Tyrannen... befreit ward, zu sehr beschämt werden. Das Denkmal muß draußen stehen, wo soviel Blut floß; es muß so stehen, daß es ringsum von allen Straßen gesehen werden kann, auf welchen die Verbündeten Heere zur blutigen Schlacht der Entscheidung heranzogen. Soll es geschehen werden, so muß es groß und herrlich seyn, wie ein Koloß, eine Pyramide, ein Dom in Köln. Aber solches in großer Kraft und in großem Sinn zu bauen, fehlt uns das Geld und das Geschick, und ich fürchte, wenn man bei kleinen Mitteln etwas Ähnliches machen will, kömmt etwas Erbärmliches heraus. Ich schlage daher etwas ganz Einfaches und Ausführliches vor, ein Denkmal, wobei die Kunst keine Äffereien anbringen und wogegen unser nordischer, allen Denkmälern so feindseliger Himmel nichts ausrichten kann. Ich befehlige einige tausend Soldaten oder Bauern in die Ebene von Leipzig hin und lasse sie in der Mitte des meilenlangen Schlachtfeldes einen Erdhügel von 200 Fuß Höhe auftürmen. Auf den Erdhügel werden Feldsteine gewälzt, und über diesen wird ei kolossales, aus Eisen gegossenes und mit mancherlei Anspielungen und Zeichen geziertes Kreuz errichtet, das Zeichen des Heils und der Herrscher des neuen Erdballes. Das Kreuz trägt eine große vergoldete Kugel, die weit in die Ferne leuchtet. Das Land rings um den Hügel, etwa 10 bis 15 Morgen weit, wird für ein geheiligtes Land erklärt, mit Wall und Graben eingefaßt und mit Eichen bepflanzt..."

Eine Vielzahl von Vorschlägen und Entwürfen zur Errichtung eines Denkmals der Völkerschlacht war entstanden, jedoch nicht ausgeführt worden.

Die Rolle von Clemens Thieme  Der  am 13. Mai 1861 in Borna bei Leipzig geborene Clemens Thieme stammte aus einer kleinbürgerlichen Familie und bildete sich auf der Leipziger Baugewerbeschule und auf dem Polytechnikum in Dresden, der heutigen Technischen Universität, zum Architekten aus. In Leipzig gründete er den "Deutschen Patrioten-Bund zur Errichtung eines Völkerschlachtdenkmals" mit dem Ziel, diesen Bau bis zur Hundertjahrfeier der Schlacht 1913 fertigzustellen. Dieses Vorhaben hatte Clemens Thieme stets vor Augen, auch wenn es um die Verwirklichung wegen der fehlenden finanziellen Mittel oftmals schlecht stand. Er verbürgte sich eine Zeitlang mit seinem Privatvermögen und entledigte sich all seiner eigenen Verpflichtungen, um vollauf der selbst gewählten Aufgabe seines Lebens gerecht werden zu können. Auf eine eigene künstlerische Gestaltung des Denkmals verzichtete er von vornherein, um die damals sehr bekannten Künstler Prof.Dr. - Ing. Bruno Schmitz (1858-1916), Prof. Christian Behrens (1852-1905) und Prof. Franz Metzner (1870-1919) zu solch einer wirkungsvollen Gesamtleistung zu vereinen, wie wir sie heute im Völkerschlachtdenkmal vor uns haben. Ein Vergleich dieses Denkmals mit Schmitz anderen Werken (etwa dem Kyffhäuserdenkmal) läßt doch wesentliche Unterschiede erkennen: Die bei aller Wucht des Leipziger Baus vorherrschende Schlichtheit ist nicht nur auf die beiden Künstler Behrends und Metzner zurückzuführen, die die monumentalen Figuren schufen, sondern auch auf den maßgeblichen Einfluß Clemens Thiemes auf die Bauausführung. Als die Nazis die Rolle des Bürgerlich-Liberalen Thieme zugunsten von Bruno Schitz als Verherrlicher deutscher Fürsten und Kaiser abwerten wollten, erklärte Clemens Thieme in einem Schreiben vom 27. April 1934 an den Bund Deutscher Architekten: " Schmitz brachte auch 1897 einen Entwurf, der zur öffentlichen Ausstellung gelangte. Dieser Entwurf war jedoch nicht geistiges Eigentum von Schmitz, er war eine direkte Abbildung des Entwurfs eines Schülers der Kunstakademie in Paris....Um Schmitz nicht in ganz Deutschland und Frankreich als Fälscher bloßzustellen, habe ich und andere Architekten dazu geschwiegen. Trotz alledem wurde darauf Prof.Schmitz vom Deutschen Patriotenbund zur Errichtung eines Völkerschlachtdenkmals durch mich als Begründer und Vorsitzenden dieses Bundes beauftragt, nach meinen Ideen die Zeichnungen für ein Völkerschlachtdenkmal anzufertigen. Ihm sollten drei Gedanken zugrunde gelegt werden. Es sollte sein 1. ein Ehrenmal für die gefallenen Helden von 1813, 2. ein Ruhmesmal für das deutsche Volk und 3. ein Mahn-und Wahrzeichen für kommende Geschlechter... Auch die neuen Zeichnungen entsprachen nicht vollständig meinen Anforderungen und denen des Patriotenbundes. Weder das Ehrenmal für die gefallenen Helden noch das Mahn- und Wahrzeichen für kommende Geschlechter fanden die genügende Betonung. Es wurde auf mein Geheiß die Krypta eingebaut, um so daß Ehrenmal für die gefallenen Helden zu schaffen. Sie gab auch den Innenausbau eine wesentlich bessere Gestaltung.... mußte der von Schmitz geplante obere Aufbau eine wesentlich andere Form durch die ausschau haltenden Ritter bekommen..." Am Ende stellte Thieme fest: " Schmitz mußte sich meinem künstlerischen Gestaltungswillen unterordnen, so daß er schließlich zugab, nur noch Zeichner zu sein." Der damals ausgebrochene Streit um die Urheberschaft des Denkmals, von dem die Öffentlichkeit kaum etwas erfuhr, zog sich bis zum Tode von Clemens Thieme (1945) hin.Heute ist es nur recht und billig, wenn Bruno Schmitz als der Architekt und Clemens Thieme als der eigentliche Schöpfer des Denkmals gewürdigt werden.

 Bau und Einweihung des Völkerschlachtdenkmals

Auf den Tag genau 15 Jahre dauerte der Bau des Denkmals. Der erste Spatenstich wurde am 18. Oktober 1898 getan, der Schlußstein am 13. Mai 1912 gesetzt, und am 18. Oktober 1913, zur Hundertjahrfeier der Völkerschlacht, konnte das Denkmal eingeweiht werden.

Unmittelbar nach dem ersten Spatenstich wurde mit den Ausschachtungsarbeiten begonnen. In zwei Jahren wurden 82 000 m³ ausgeschachtet und zur Bildung des Erdhügels rings um das Denkmal verwendet. Um die Wälle anzulegen, waren noch 1 Million m³ Erde zusätzlich erforderlich; so konnte die stadt Leipzig etwa 10 Jahre lang Schutt und Müll am Denkmal ablagern, wo er zur Anhäufung der Wälle mit verwendet wurde. Erst im Jahre 1900 wurden Bodenuntersuchungen vorgenommen, um die Beschaffenheit des Untergrundes zu ermitteln. Dabei zeigte sich, daß eine 3-4 m mächtige Kiesschicht auf einem 6-7 m tiefen Lettengrund lagerte. Belastungsproben bestätigten, daß der Boden für den Bau bestens geeignet war. 18. Oktober 1900 zweite Grundsteinlegung. Erste Bauschicht des Denkmals von 2 Meter Mächtigkeit und einer Grundfläche von rund 80x67,5 m wurde der Grundstein eingebettet, der 1863 auf dem Gelände der Kämpfe von 1813 gesetzt worden war. An jedem Arbeitstag wurden für das Fundament an der Baustelle 90 - 100 m³ Zementstampfbeton hergestellt, der neben seiner Festigkeit und Beständigkeit auch die für dieses Denkmal mit seinen Bogen, Gewölben und Kuppeln notwendige Formgefügigkeit besitzt. 65 Pfeiler davon 4 Hauptpfeiler und 61 Zwischen-oder Nebenpfeiler tragen das Denkmal, das ein Gesamtgewicht von 300 000 t oder 6 Millionen Zentnern hat. Das eigentliche Denkmal ist in Granitporphyr ausgeführt, der in Beucha bei Leipzig gebrochen wurde. Etwa 26 500 Granitwerkstücke von insgesamt 12 500 m³  und 120 000 m³ Stampfbeton wurden zum Bau des Denkmals verwendet. Die rund 60 m breite Fläche zwischen den beiden als Treppen ausgebauten, in Barbarossaköpfen endenden seitlichen Stützmauern schmückt ein 19 m hohes Relief der Schlacht bei Leipzig: Inmitten zweier Paare Kriegsfackeln schwingender Furien und eines zertrümmerten Heerhaufens von Roß und Reitern steht als Symbol der der Fremdherrschaft trotzenden und siegreichen Völkererhebung der Erzengel Michael mit flammenden Schwert. Majestetischen Flügelschlags erheben sich zwei riesige 7 m spannende Adler vom Schlachtfeld. Aufmerksam machen die 1,80 m großen Buchstaben der Inschrift über der 11 m großen Michaelsfigur. Die Krypta  hat einen Durchmesser von 11,60 m. Den Fußboden bilden geschliffene grüne und schwarze Granitplatten aus dem Fichtelgebirge. An den 8 Pfeilern von 5 m Höhe erheben sich gewaltige Schicksalsmasken sterbender Krieger. Vor jeder Maske stehen gesenkten Hauptes zwei 3,5 m große Krieger. Die Ruhmeshalle der Hauptraum des Denkmals der sich rund 7 m über der Krypta wölbt und sich etwa 30 m über der Straßenhöhe befindet, liegt in leicht gedämpften Licht.

Äußerer Schmuck des Kuppelbaus 12 Wächterfiguren nahezu 13 m hoch. Zur Plattform führen vom Boden der Krypta aus 364 Stufen zählende Wendeltreppen. Zusammen mit den Freitreppen muß der Besucher von der Straße aus 500 Stufen bis zur Plattform des Denkmals ersteigen.Das Denkmal hat eine Höhe von 91 Metern.